Die Handschrift moderner Architekt:innen: Nachhaltige Bauwerke – regionale Materialien

Die Handschrift moderner Architekt:innen: Nachhaltige Bauwerke – regionale Materialien

Bauen mit regionalen Materialien war früher selbstverständlich. Nach der Ära der energieintensiver hergestellten Baustoffe Stahl und Beton haben moderne Architekt:innen den Weg zurück zu Materialien aus der Heimat entdeckt. Wir sprachen mit dem Fassadenexperten Marco Bianco und fragten ihn unter anderem, warum Naturstein die nachhaltigste Wahl für Fassaden ist.

Interview mit Marco Bianco (Bianco und Kiesalter Natursteinarbeiten AG)

  • Energieeffiziente Gebäudehüllen sind heute ein grosses Thema. Welche Rolle spielt der Baustoff Naturstein in diesem Kontext?

Naturstein ist kein Dämmstoff, aber ein wichtiger Baustein energieeffizienter Gebäudehüllen. Seine Stärken liegen in der hohen thermischen Speichermasse, die Wärme zeitverzögert abgibt, im Sommer das Aufheizen verzögert und in der kalten Jahreszeit ein gleichmässiges Raumklima schafft. Der natürliche Baustoff eignet sich zudem auch zur Feuchteregulierung. Schimmelrisiken werden deutlich reduziert. Durch seine physikalischen Eigenschaften trägt Naturstein ganz konkret dazu bei, dass sich der Wohnkomfort im Gebäude erhöht.

  • Warum weist Naturstein im Vergleich zu anderen Baustoffen eine hervorragende CO2 Bilanz auf?

Naturstein gilt als einer der CO₂-ärmsten Baustoffe. Das liegt aber nicht an einem Faktor, sondern am Zusammenspiel mehrerer Eigenschaften entlang des gesamten Lebenszyklus. Die hervorragende CO₂-Bilanz von Naturstein entsteht durch die Kombination von minimalem Herstellungsaufwand, extremer Lebensdauer und Wiederverwendbarkeit. Damit eignet sich Naturstein ideal für nachhaltige Architektur, langlebige Gebäudehüllen und zirkuläres Bauen.

  • Welche Rolle spielt der regionale und einheimische Abbau von Naturstein, wie sie ihn bevorzugen?

Der regionale bzw. einheimische Abbau von Naturstein ist einer der entscheidenden Hebel, wenn es um echte Nachhaltigkeit geht. Oft macht er den Unterschied zwischen „guter“ und „sehr guter“ Ökobilanz aus. Gerade im Kontext moderner, energieeffizienter Gebäudehüllen bedeutet das: Der Mix aus lokalem Stein und moderner Konstruktion sorgt für eine optimale Lösung.

  • Sie realisieren unter anderen hinterlüftete Natursteinfassaden. Was sind die Vorteile und welchen Stellenwert hat dieser Fassadentyp bezüglich Energieeffizienz?

Hinterlüftete Natursteinfassaden gehören heute zu den technisch und bauphysikalisch hochwertigsten Fassadensystemen. Gerade im Kontext energieeffizienter Gebäude spielen sie eine wichtige – wenn auch oft indirekte – Rolle. Hinterlüftete Natursteinfassaden sind technisch und bauphysikalisch hochwertige Premiumlösungen im Fassadenbau: Sie kombinieren langlebigen, witterungsbeständigen Naturstein mit einer hinterlüfteten Konstruktion, die Feuchtigkeit ableitet, thermische Entkopplung ermöglicht und die Dämmung dauerhaft schützt. Durch die Verbindung von hochwertiger Dämmung, präziser Detailplanung und nachhaltigen Materialien bieten sie stabile U‑Werte über Jahrzehnte, sehr gute Ökobilanz und minimalen Wartungsaufwand.

  • Welche Möglichkeiten bietet die Restaurierung und Rekonstruktion einer Natursteinfassade?

Die Restaurierung und Rekonstruktion von Natursteinfassaden bei Altbauten ist ein hochwertiger, nachhaltiger Ansatz, der weit über reine „Reparatur“ hinausgeht. Ziel ist es, Substanz zu erhalten, Schäden fachgerecht zu beheben und historische Qualität langfristig zu sichern. Auch bei neueren Bauten spielt die Restaurierung eine wichtige Rolle – die Herangehensweise und Zielsetzung unterscheiden sich jedoch deutlich.

  • Wie integriert die Bianco und Kiesalter Nachhaltigkeitskonzepte, wie etwa den Einsatz einheimischer Gesteine, in Planung und Umsetzung von Bauprojekten?

Die Integration von Nachhaltigkeitskonzepten in Bauprojekten – insbesondere der Einsatz einheimischer Natursteine – erfordert einen systematischen Ansatz, welcher Planung, Materialwahl, Bauprozesse und Lebenszyklusbetrachtung umfasst. Die Bianco und Kiesalter AG integriert Nachhaltigkeitskonzepte, indem sie bereits in der frühen Planungsphase die Verfügbarkeit, Eigenschaften und CO₂-Bilanz einheimischer Gesteine analysiert und diese gezielt in architektonische Gestaltung und Materialwahl einbindet. Durch kurze Transportwege, langlebige Ausführung, transparente Lieferketten und eine geplante Wiederverwendbarkeit der Materialien wird ökologische, ökonomische und regionale Nachhaltigkeit ganzheitlich umgesetzt.

  • Welche Rolle spielt professionelle Bauführung und Abnahme bei der Sicherung nachhaltiger Standards im Fassadenbau?

Die professionelle Bauführung und Abnahme spielt eine zentrale Rolle, um nachhaltige Standards im Fassadenbau, insbesondere bei Natursteinfassaden, tatsächlich zu realisieren. Sie sorgt dafür, dass Planung, Materialwahl und Bauausführung so umgesetzt werden, dass ökologische, ökonomische und qualitative Ziele erreicht werden. Planung allein garantiert Nachhaltigkeit nicht. Erst durch professionelle Bauführung und Abnahme wird sichergestellt, dass Energie- und Ökobilanzwerte tatsächlich eingehalten werden und die langfristige Qualität der Fassade gewährleistet ist. Kurz gesagt: Die Fassade wird erst durch präzise Ausführung und kontrollierte Abnahme wirklich nachhaltig.

  • Wie sehen visionäre Fassadenprojekte mit Naturstein in 10 Jahren aus?

Visionäre Fassadenprojekte mit Naturstein werden die Tradition des Materials zunehmend mit Hightech, Nachhaltigkeit und digitaler Planung verschmelzen. Die Trends gehen weit über klassische Natursteinfassaden hinaus – es besteht ein grosses Potenzial für intelligente, adaptive und ressourcenschonende Fassaden. Natursteinfassaden werden zunehmend nicht nur schützen und gestalten, sondern aktiv am Energiehaushalt und am Klimakomfort eines Gebäudes teilnehmen. Die Verbindung aus Tradition, Technologie und Nachhaltigkeit macht sie zu Hightech-Architekturobjekten, die zeitlos, langlebig und ressourcenschonend sind.